Editorial

9. ZVEI-Kolloquium Gebäudeautomation in Frankfurt

Der Trend zur Cloudifizierung – also dem Speichern, Analysieren, Bearbeiten und Verknüpfen von Daten in der Cloud – verändert zunehmend die Systemarchitektur der Gebäudeautomation. Da war es keine Frage, das Thema IoT erneut in den Mittelpunkt unseres Kolloquiums zu stellen. Dass wir damit genau richtig lagen, zeigt die große Resonanz: Mehr als 400 Teilnehmer aus Systemintegration, Energieversorgung, Hochschule, Großhandel, Industrie, Software, Start-ups und Fachpresse konnten ein gelungenes, kurzweiliges Programm mit vielen Lerneffekten erleben.

Auch der Evening@KNX, der traditionelle Auftakt am Vorabend, fand dieses Jahr aufgrund der großen Teilnehmerzahl erstmalig im Kap Europa statt. Mit Vorträgen, einer Talkrunde und vor allem dem beliebten Networking war schon der Abend vor dem eigentlichen Kolloquium ein voller Erfolg.


Ein Novum des Kolloquiums fand ebenfalls großen Anklang: Wir hatten Start-up-Unternehmen dazu eingeladen, zum Thema passende Innovationen und Geschäftsmodelle vorzustellen. Der Start-up Pitch mit dem abschließenden Voting durch alle Teilnehmer war einer der vielen Highlights.


Lesen Sie in diesem Newsletter neben einer Zusammenfassung des Kolloquiums auch einen Bericht über den Start-up-Pitch und erfahren Sie, welcher der Jungunternehmer die Teilnehmer am meisten beeindruckt hat.

Hajo Deul

Geschäftsstelle KNX Deutschland

Evening@KNX: Vorträge – Talkrunde – Networking

Schon am Vorabend des eigentlichen Kolloquiums lockte der Event 200 Teilnehmer in das Kongresshaus Kap Europa, um gemeinsam mit der KNX Association einen Blick ins IoT zu wagen. Begrüßt wurden die Gäste von Johannes Hauck, Präsident KNX Deutschland, der auf den Abend und das Kolloquium am nächsten Tag einstimmte.

Es folgten Vorträge von Vertretern der KNX Association: Heinz Lux (CEO) gab einen kurzen Überblick über die Erfolgsgeschichte von KNX und einen Ausblick auf kommende Entwicklungen. Daran knüpfte Joost Demarest (CTO) an, der betonte, dass sich nur durch den weiteren Ausbau von KNX IoT die Zukunftssicherheit des Systems gewährleisten lässt. Wie das Ganze in der Praxis aussehen kann, präsentierte Andre Hänel (System und Tool Manager). Er zeigte an einigen Beispielen, wie KNX IoT im Energie Management sinnvoll eingesetzt werden kann.

In der anschließenden Talkrunde wurde die Frage diskutiert, wohin die Reise in Sachen KNX und IoT geht. Auf dem Podium saßen Klaus Jung, Geschäftsführer ZVEI, Fachverband Elektroinstallationssysteme, Franz Kammerl, Präsident KNX Association, Elmar Zeeb, CTO von Naon - Smart Living, und Daniel Zauner, Head of Marketing & Communications bei der iHaus AG. Quintessenz der Diskussion war unter anderem, dass das IoT als Chance und Treiber zu begreifen ist: Der Wunsch vieler Endkunden, über die IT-Welt auf ihr Zuhause zuzugreifen, nimmt kontinuierlich zu und öffnet damit allmählich einen immer größeren Markt für Smart-Home-Technologien. Dabei sei aber wichtig, es dem Nutzer so einfach wie möglich zu machen: Er sollte möglichst viele Systeme und Geräte miteinander verbinden und alle über ein Tool steuern können.

Nach dem offiziellen Teil kamen die Teilnehmer zu einem ungezwungenen Get-together zusammen, ein Part, der von allen immer sehr geschätzt und auch dieses Mal intensiv fürs Networking bis in die späten Abendstunden genutzt wurde.

Mit smarten Services in die Zukunft

Smarte Produkte gibt es inzwischen viele, in Kombination mit gesammelten Daten treten jetzt die smarten Services den Siegeszug an. Sensoren, Künstliche Intelligenz, Cloud-Anbindungen – all das trägt dazu bei, dem Nutzer bedarfsgerechte Dienstleistungen anbieten zu können. KNX kann hierbei eine Hauptrolle spielen. Auf dem diesjährigen ZVEI-Kolloquium haben verschiedene Referenten diese Rolle näher beleuchtet und aufgezeigt, welche Services bereits realisiert sind und wohin die Reise geht.

Adalbert Neumann, CEO von Busch-Jaeger und Vorsitzender der ZVEI-Fachabteilung Haus- und Gebäudesystemtechnik, betonte bei seiner Begrüßung der Teilnehmer, dass es ohne KNX dabei nicht geht. Denn der BUS bildet die Basis und damit einen sicheren, zuverlässigen Rahmen für heutige und zukünftige Services. Die Keynote des Kolloquiums kam in diesem Jahr von Axel Dittmann, Technology Sales Professional Global Black Belt IoT bei Microsoft Deutschland. Ihm ging es um Künstliche Intelligenz (KI) als Schlüssel zum selbstlernenden Gebäude. Er erläuterte, dass KI ein rasant wachsender Zukunftsmarkt mit täglich rund 30 bis 50 Neuerungen sei, ein Markt, auf dem Deutschland nicht den Anschluss verlieren dürfe. Die Ziele der KI in einem selbstlernenden Gebäude – unter anderem verringerte Kosten, verbesserte Energieeffizienz, optimiertes Facility Management – seien ausschließlich mithilfe einer Fülle von digitalen Daten zu erreichen. Nur über eine große Datenbasis kann sich KI entwickeln und die gesteckten Ziele realisieren. Daher sei zum Beispiel China in der Entwicklung von KI-Systemen sehr viel weiter als Deutschland, weil es dort keinen so strengen Datenschutz gebe wie hierzulande. Die Chinesen könnten sehr viel mehr „experimentieren“. Am Beispiel des Microsoft Smart Campus machte Dittmann deutlich, dass es für KI, die im Gebäude zum Einsatz kommen soll, zuverlässige Partner und offene Schnittstellen braucht.


Joost Demarest, CFO und CTO der KNX Association, kam mit seinem Vortrag auf die Zukunft von KNX in Zeiten des Internets der Dinge zu sprechen. Er stellte fest, dass sich digitale Lösungen immer mehr verbreiteten, selbst Ikea biete bereits Smart-Home-Produkte an. Umso wichtiger sei es, dass KNX seinen Werten treu bleibe: Produktzertifizierung, die die Konformität zum KNX Standard bestätigt und somit für eine nahtlose Interoperabilität zwischen Produkten unterschiedlicher Hersteller in einer Installation sorgt, Rückwärts-Kompatibilität seit 28 Jahren und weltweit ein einziges Software-Werkzeug – ETS – welches hersteller- und anwendungsneutral ist. KNX müsse diese Werte auf das IoT übertragen, aber auch flexibel genug bleiben, um sich an die sich ändernde Umgebung anzupassen. Generell müssten der Standard und seine Semantik IT-freundlicher werden und sich auch auf die Digitalisierung von Gebäudedaten vorbereiten.


Die große Bedeutung von Daten griff Lars Heidemann in seinem Vortrag auf. Der Head of Business Development bei Telefonica Germany Next machte klar: „Daten sind das neue Öl“. Nicht von ungefähr hätten sieben der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt ein digitales Geschäftsmodell, zum Beispiel Apple, Amazon oder Facebook.


Ein Highlight des Kolloquiums war die Präsentation von Ann-Katrin Laskowski. Sie ist Projektleiterin des Huf-Hauses „Ausblick“, ein Konzepthaus, das in Zusammenarbeit mit IBM entwickelt und im Mai dieses Jahres vorgestellt wurde. In diesem Prototyp eines selbstlernenden Hauses kommt die IBM Watson IoT-Plattform zum Einsatz, die mit künstlicher Intelligenz (KI) ausgestattet ist. Die Technologie soll die Verhaltensweisen der Bewohner erlernen und „verstehen“, um ihnen das tägliche Leben angenehmer und einfacher zu machen. Die technische Basis ist ein regelbasiertes KNX-System. In diesem Haus ist zum Beispiel eine natürliche Interaktion mit dem System möglich: Die Sprachsteuerung über Watson kann Aussagen wie „Es ist zu dunkel“ oder „Ich brauche frische Luft“ in Aktionen umsetzen – das Licht heller machen oder ein Fenster öffnen. Die IBM Watson IoT-Plattform stellte Sebastien Chaumiole, Electronic Leader IBM Watson IoT Industry Lab, dann noch etwas genauer vor.


Mit der IoT-Plattform „Lightelligence“ von Osram präsentierte Timo Kühn, Head of Platform Engineering bei Osram, die Möglichkeiten digitaler Services im intelligenten Gebäude. In dem die Beleuchtung mit Sensoren ausgestattet wird, um verschiedenste Daten im Raum zu erfassen, könne man den wichtigen Schritt „from Hardware to Smartware“ umsetzen. Damit ließen sich Effizienzpotentiale erschließen, Büroflächen bedarfsgerechter auslasten aber beispielsweise auch das Einkaufsverhalten in Geschäften analysieren.


Ein weiteres praktisches Beispiel für smarte Services lieferte Maren Schulte, Senior Product Manager Hygiene bei CWS-Boco international. Sie zeigte anhand des von CWS entwickelten „Digital Washroom“, wie smarte Spender für mehr Service-Effizienz sorgen können. Über Sensoren erfasste Füllstände in Handtuch-, Toilettenpapier- oder Seifenspendern werden funkbasiert an den Facility Manager übermittelt, der anhand dieser Daten zum Beispiel die Touren für die Wiederauffüllung besser planen kann.


Talkrunde: Chancen für digitale Mehrwertdienste und Erlösmodelle mit Gebäuden

Unter der Moderation von Markus Schaffrin, Geschäftsbereichsleiter Mitglieder Services und Mitglied der Geschäftsleitung beim eco – Verband der Internetwirtschaft e. V. diskutierten angeregt: Ralf Bucksch, Technical Executive Watson IoT Europe von IBM Deutschland, Axel Dittmann, Franz Kammerl, Präsident KNX Association, Adalbert Neumann und Ralf Ziegler, CEO, Edomo Systems. Damit Services überhaupt zu einem profitablen Geschäftsmodell werden könnten, komme es für Adalbert Neumann vor allem auf einen echten Mehrwert für den Verbraucher an. Dann sei dieser auch bereit, dafür zu zahlen. Diese Bezahlung, so Ralf Bucksch, könne über verschiedene Optionen erfolgen, unter anderem auch über Daten. Um KNX-basierte, smarte Services mit KI weiter ausbauen und das Geschäftsfeld noch besser erschließen zu können, müssten Verbraucher außerdem besser und transparenter informiert werden; viele Verbraucher stünden KI und ihren Möglichkeiten wegen Unverständnis und Unwissen sehr skeptisch gegenüber, so Dittmann. Hier herrsche also noch großer Handlungsbedarf.


Als besondere Herausforderung für Unternehmen sieht Adalbert Neumann die enorme Innovationsgeschwindigkeit der IoT-Welt. Wenn die großen Player wie Apple oder Google mit neuen Produkten und smarten Geschäftsmodellen aufwarteten, müsse die Elektroindustrie entsprechend nachziehen. Doch in der Runde war man sich sicher, dass professionelle Systeme wie KNX immer Bestand haben werden. Qualität bräuchte seine Zeit und könne nur in guter Zusammenarbeit entstehen – dies sichere KNX langfristig den Platz in internationalen Märkten. Auf die Frage, wo man in zehn Jahren in Sachen KI und smarten Services stehen würde, antwortete Ralf Ziegler mit einem positiven Blick in die Zukunft: Er hoffe, dass man dann über alle auf dem Kolloquium diskutierten Probleme lachen könne.

Innovationen rund ums Smart Home: 1. ZVEI Start-up-Pitch

Erstmalig fand auf einem ZVEI-Kolloquium ein Pitch für Start-up-Unternehmen statt: Fünf junge Unternehmen präsentierten ihre Konzepte und Lösungen für eine Wertschöpfung mit smarten Dienstleistungen durch intelligente Gebäudetechnik. Im Sommer hatte der ZVEI Start-ups dazu aufgerufen, innovative Ideen und Projekte rund um Services im smarten, vernetzten Gebäude einzureichen und im Rahmen des Kolloquiums zu pitchen.

Aus den eingereichten Lösungen wählte der ZVEI die fünf besten aus, die auf dem Kolloquium vorgestellt wurden. Die Teilnehmer des Kolloquiums stimmten live darüber ab, welches Start-up sie am meisten überzeugt hat. Als Gewinner aus diesem Wettbewerb ging die Ilmsens GmbH hervor, vertreten durch Geschäftsführer Hans-Christian Fritsch. Ilmsens hat winzige Sensoren entwickelt, die kleinste Bewegungen detektieren, den Ort der Bewegung bestimmen, die Bewegung klassifizieren und in einen Kontext setzen, um schließlich bestimmte Aktionen auszulösen. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig, besonderen Mehrwert bietet die Lösung beispielsweise in barrierefreien Wohnungen: Die Sensoren erkennen etwa, wenn sich eine Person an einer ungewöhnlichen Stelle im Haus lange Zeit nicht bewegt, zum Beispiel auf der Treppe gestürzt ist, und können eine Pflegekraft alarmieren. Möglich ist diese Technik durch hochempfindlichen Ultra-Breitband-Radar.

Ins Pitch-Finale gekommen waren zudem Hum Systems, dessen Produkt Livy-Protect Brandschutz mit Einbruchschutz kombiniert, die RoofSec GmbH, die ein System zur Überwachung von Flachdächern vorstellte, der Eigenheim Manager, eine App, die als „digitales Cockpit für das Haus“ ausgelegt ist und Casavione, eine Bedienoberfläche, die Multimedia mit Smart-Home-Systemen verknüpft.

Voraussetzung für die Teilnahme am Pitch war, dass das eingereichte Konzept einen erkennbaren Kundennutzen hat, eine innovative Idee dahintersteht und es bereits Marktreife besitzt. Alle fünf Finalisten und zahlreiche weitere Start-ups aus dem Pitch hatten zudem während des Kolloquiums Gelegenheit, sich und ihre Produkte bei einer Ausstellung im Foyer des Kongresshauses Kap Europa zu präsentieren.